Sie sind hier: Start > Schreiben Sie! > Abenteuer Alltag

Ist Ihr Leben literaturfähig?

Vielleicht fragen Sie sich, ob Sie denn überhaupt etwas wirklich Wichtiges zu sagen haben? Ja, das haben Sie. Außerdem brauchen Sie kein edles Motiv für Ihr Schreiben. Sie schreiben, weil Sie schreiben wollen. So einfach ist das. Vielleicht kommt Ihnen Ihr Leben und Erleben auch zu banal und unbedeutend vor, um daraus schöpfen zu können. Vielleicht meinen Sie, nur das Sensationelle sei literaturfähig?

Mag sein, dass Ihr Alltag meist banal verläuft - oder sagen wir lieber normal. Das geht den meisten Menschen so und auch bei Schriftstellern ist es nicht anders. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, nur das Sensationelle oder Außergewöhnliche sei literaturfähig. Nehmen Sie zum Beispiel die Romane von Wilhelm Genazino, der mit dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis - dem Georg-Büchner-Preis - ausgezeichnet wurde und damit in den Olymp deutscher Klassiker Einzug gehalten hat. Ein Flaneur, der aus dem Alltäglichen und Banalen - den beiläufigen Beobachtungen eines Spaziergängers - seine wundersamen (meist dünnen) Romane webt. Melancholisch, leise, komisch.

Schon in Genazinos Erstlingsroman "Abschaffel" (1) geht es um nichts anderes, als um die unerträgliche Langeweile des Lebens als Büroangestellter. Minutiös wird die Befindlichkeit eines Menschen dargestellt, dessen banaler Büroalltag das Leben ist. Der Hauptfigur bleibt nichts anderes übrig, als sich selbst zu dramatisieren. Was ist an diesem Alltag spannend? Nichts. Das Spannende an der Geschichte aber ist die Spaltung der Hauptfigur in eine öffentliche Angestelltenperson und eine geheime Privatperson. In "Mittelmäßiges Heimweh" (2), verliert der Protagonist nahezu beiläufig ein Ohr. Hier ist es das ganz außerordentliche Ereignis, das in die Ereignislosigkeit des Alltags einbricht und die Art, wie dieser Verlust integriert wird, die den Roman grandios macht.

Da hängt ein Hemd aus der Hose (3), da geht jemand Tag für Tag ins Büro (1), da kommt jemandem beim Fußballgucken in seiner Stammkneipe ein Ohr abhanden (2), . Wunderbar!

Oder nehmen Sie den Schriftsteller Max Goldt, der mit der Beschreibung von Badezimmernormausstattungen (Klofußumpuschelungen) (4) und anderen Kuriositäten und Betrachtungen über das gewöhnliche Leben ganze Säle bei Lesungen füllt. Seine weitschweifigen Kolumnen über das Alltägliche, ja Banale, sind Kult.

(1) Wilhelm Genazino: Abschaffel (1977), Reinbek, Rowohlt (vergriffen)
(2) Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh (2007), München: Hanser
(3) Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz (2004), Reinbek, Rowohlt Taschenbuch Verlag
(4) Max Goldt: Die Mitgeschleppten im Badezimmer. Aus: Max Goldt: Ä (1997), Zürich, Haffmanns Verlag